SERIE: DIGITALE ANLAGEN (14)

Polarisierende Sammlerstücke

Markt für Non-Fungible Tokens brummt – Debatte um Mehrwert über Digitalkunst hinaus

Dem Markt für Non-Fungible Tokens sind im laufenden Jahr gewaltige Summen zugeflossen, Prominente und große Konzerne sind inzwischen in dem Segment aktiv. Derweil haben sich in der Debatte um den realen Nutzen der kryptografischen Wertmarken stark gegensätzliche Positionen gebildet.

Von Alex Wehnert, Frankfurt

Er ist ein Tummelplatz für Prominente, Künstler, Sammler und Krypto-Begeisterte: Der Markt für Non-Fungible Tokens (NFT) erfährt im laufenden Jahr große Aufmerksamkeit. Bei NFTs handelt es sich um kryptografische Wertmarken, die auf sogenannten Smart Contracts basieren. Das wiederum sind Computerprotokolle, die Verträge abbilden sowie einmalige Einträge auf bestimmten Blockchains erstellen können. Genau solche Einträge stellen NFTs dar – diese sind im Gegensatz zu Bitcoin und anderen Cyberdevisen also nicht replizierbar, jeder NFT ist ein Unikat. Ihr Sinn besteht darin, Eigentumsrechte an virtuellen Gütern wie digitaler Kunst oder Medien zu beurkunden und handelbar zu machen.

Auf Plattformen wie Opensea oder Rarible können Nutzer solche virtuellen Güter gegen Gebühren hochladen, wobei dann eine dazugehörige Signatur erstellt wird. Diese Signatur wiederum, nicht aber das Werk, das sie repräsentiert, kann dann über die entsprechende Plattform und die von ihr genutzte Blockchain gekauft und veräußert werden.

Tarantino droht Ärger

Zuletzt sorgte zum Beispiel Star-Regisseur Quentin Tarantino mit der Ankündigung für Aufsehen, Szenen aus seinem Streifen „Pulp Fiction“ als NFT auf den Markt bringen zu wollen. Damit handelte er sich Ärger mit dem Filmstudio Miramax ein, das ihn unter anderem wegen Urheberrechtsverletzung und unlauterem Wettbewerb verklagt hat. Denn Miramax will auf Basis der hauseigenen Filmbibliothek selbst NFTs versteigern. Auch Unternehmen aus anderen Wirtschaftszweigen springen auf den Trend auf, McDonald's veröffentlicht als Werbeaktion zum Beispiel digitale Wertmarken auf Bilder von Fast-Food-Gerichten.

Sprunghafter Handel

Die Beispiele klingen nach Spielerei, allerdings sind mit NFTs durchaus stattliche Summen zu erzielen. Den Preisrekord hält die Collage „Everydays: the First 5 000 Days“ des Künstlers Michael Winkelmann – den zugehörigen NFT sicherte sich ein Programmierer aus Singapur bei einer Christie's-Auktion im März für 69,3 Mill. Dollar.

Die Summe unterstreicht den Boom des Segments. Über die vergangenen 365 Tage belief sich der NFT-Absatz laut der Plattform Nonfungible.com Stand Dienstag auf 11,2 Mrd. Dollar. Der Gegenwert der innerhalb der vergangenen 24 Stunden getätigten Verkäufe betrug indes über 77 Mill. Dollar – am 1. Januar 2021 hatte sich der Absatz auf lediglich 450 000 Dollar summiert. Allerdings entwickelt sich der Handel extrem sprunghaft. So setzten NFTs am 29. August den Rekordwert von 389 Mill. Dollar um, nur zwei Tage später belief sich das Verkaufsvolumen mit 157 Mill. Dollar auf weniger als die Hälfte dessen. Bis zum 12. September rutschte der tägliche Absatz auf rund 27 Mill. Dollar ab. Dies lässt sich nur begrenzt dadurch erklären, dass an bestimmten Tagen große Einzeltransaktionen stattfinden, da auch die Zahl der Verkäufe stark schwankt.

Ether in Dollar

Auch infolge dieser Volatilität polarisieren die digitalen Sammlerstücke stark. Befürworter sehen in ihnen ein Mittel zur Digitalisierung und Demokratisierung des Kunstmarkts. So stellten sie für Künstler eine Möglichkeit dar, sich über Online-Plattformen zu vermarkten, unabhängiger zu sein und ein neues Publikum zu erreichen. Zudem garantierten NFTs eine höhere Sicherheit im Kunsthandel, da sie nicht gefälscht werden könnten.

Kritiker zweifeln jedoch an, dass die Tokens für den Abnehmer einen realen Mehrwert bieten. Sie verweisen darauf, dass häufig NFTs zu Bildern oder Animationen versteigert werden, die auf Social-Media-Plattformen kursieren. Während also der NFT einzigartig ist, wird das zugehörige Werk oft millionenfach kopiert.

„NFTs haben eine riesige Zukunft – vielleicht nicht in Bezug auf Digitalkunst oder Internet-Memes, aber zum Beispiel im Patentrecht“, sagt Laurenz Apiarius, Gründer des Venture-Capital-Investors Blockwall. Durch NFTs ließen sich Patente teilbar und die entstehenden Anteile handelbar machen. Die genauen Bedingungen und Vorgaben für die Minderheitseigner an dem Patent ließen sich dezentral im zugrunde liegenden Smart Contract spezifizieren. Somit ließen sich komplexe Verhandlungsprozesse vereinfachen und zusätzliche Mittel einsammeln.

Partizipation über Ether

Für Investoren stellt sich damit die Frage nach dem besten Weg, um am NFT-Boom zu partizipieren. Ein direkter Kauf der Tokens ist hochspekulativ und damit nur für wenige Anleger sinnvoll. Inzwischen gibt es indes einige börsennotierte Unternehmen, die im NFT-Segment aktiv sind. Der US-Spielwarenhersteller Funko etwa verkündete im April, durch eine Mehrheitsbeteiligung an dem App-Entwickler Token Wave in den Markt einzusteigen – der Aktie verlieh das zunächst deutlichen Auftrieb, inzwischen hat sich die Euphorie wieder etwas abgekühlt. Derweil hat auch die nach Marktkapitalisierung zweitgrößte Kryptowährung Ether vom NFT-Hype profitiert. Denn wenngleich Herausforderer-Blockchains wie Solana sich ebenfalls im Segment positioniert haben, findet der Großteil der Verkäufe nicht fungibler Tokens weiterhin über das Ethereum-Netzwerk statt.


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