SERIE: DIGITALE ANLAGEN (5)

Bitcoin wird zum Zahlungsmittel

Krypto-Netzwerk Lightning ermöglicht Payment-Verwendung – Wertentwicklung über Spekulation hinaus

Bitcoin hat bis heute noch nicht seine Bestimmung erreicht, da die Kryptowährung eigentlich auch dem elektronischen Bezahlen dienen sollte. Diese Verwendbarkeit rückt mit dem Aufbau der Infrastruktur des Lightning Network in greifbare Nähe. Erste Schwellenländer haben Bitcoin zum gesetzlichen Zahlungsmittel erklärt und setzen neben staatlichen Wallets auf die Abwicklung von Zahlungen über Lightning – das funktioniert per Smartphone auch für den Einkauf vor Ort.

Von Björn Godenrath, Frankfurt

Kaum ein zweites Phänomen spaltet die Gemüter so sehr wie die Existenz des als „Peer-to-Peer Electronic Cash System“ erfundenen Bitcoin. Als Reaktion auf die Verwerfungen der Finanzmarktkrise von einem Entwickler(-Kollektiv?) unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto 2008 entwickelt, fungiert Bitcoin als dezentrales Netzwerk von Computern, die Transaktionen über einen Konsensus-Mechanismus auf die Bitcoin-Blockchain eintragen. Diese fungiert als manipulationssicheres Layer-1-Register, das aber zunehmend über Layer-2-Blockchains wie Stacks oder das Lightning Network angesteuert wird. Diese Layer-2-Netze ermöglichen sehr viele höhere Geschwindigkeiten für Transaktionen – was wiederum eine Grundlage darstellt für kommerzielle Anwendungen, bei denen Bitcoin im Mittelpunkt steht.

Es sind nicht zuletzt diese Aussichten auf eine erhöhte Skalierbarkeit von Bitcoin als Zahlungsmittel, die den Kurs antreiben. Obwohl sich ein immer härterer „Crackdown on Crypto“ abzeichnet, pendelt die Notiz hartnäckig in einer Handelsspanne von 40 000 bis 50 000 Dollar. Diese Resilienz ist erstaunlich – und viele Investoren geben an, dass Bitcoin für sie als Inflationsschutz eine Beimischung im Depot darstellt.

Esoterische Kursziele

Ob Bitcoin diese hohen Erwartungen erfüllen kann? Die Kursziele schwanken je nach Philosophie zwischen null und 1 Mill. Dollar – wobei beide Kursziele hanebüchen sind. Das Kursziel null wird vor allem von Bestandswahrern aus der Finanzindustrie ausgerufen, die Vorteile von Bitcoin im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr ignorieren: Für Menschen in Schwellenländern macht es aber einen Unterschied, ob sie 20 % Gebühr bei Western Union lassen oder nicht. Die Frage, ob Bitcoin als Wertspeicher fungieren kann, wird trotz der Volatilität inzwischen von vielen Menschen mit Ja beantwortet, da sie dieses Risiko als beherrschbar einordnen und gegenüber den üppigen Gebühren bevorzugen. Außerdem setzt sich bei vielen Marktteilnehmern der Eindruck durch, dass mit Geldflut und anziehender Inflation die Kaufkraft von Dollar und Euro geschwächt wird. Und so wie die Bondmärkte von den Notenbanken sediert wurden, werden die Verbraucher mit dem Fiskal-Helikopter (Stimulus-Schecks) beruhigt. Das von EZB-Chefin Christine Lagarde geäußerte „Wir sind nicht dazu da, die Spreads von Staatsanleihen zu managen“ hatte keine 24 Stunden Bestand. Zudem sei darauf verwiesen, dass in Deutschland die Rente mit Steuermitteln von 100 Mrd. Euro jährlich alimentiert wird.

Mit dieser Bestandsaufnahme nähert man sich den Auguren, die ein Kursziel von 1 Mill. Dollar für Bitcoin ausgeben. Denn sie gehen davon aus, dass das herkömmliche Finanzsystem scheitern wird, weil der Rollover von finanziellen Verpflichtungen irgendwann nicht mehr funktioniert und Volkswirtschaften dies nicht mit Wachstum ausgleichen können; außerdem könnte die Bevölkerung ab einem gewissen Punkt des gefühlten Kaufkraftverlustes das Vertrauen in Dollar und Euro verlieren. Mitunter ist das jetzt schon eine Motivation für den Bitcoin-Kauf: Investoren wollen sich rüsten für den Worst Case und häufen Vermögenswerte bzw. Sachwerte an, die in einem solchen Desaster Bestand haben könnten.

Es gibt allerdings zwei Dinge, die gegen einen astronomisch hohen Bitcoin-Kurs sprechen. Zunächst mal haben die Notenbanken im Zusammenwirken mit Fiskalmaßnahmen noch die Chance, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Die Federal Reserve hat erste Signale zum Tapering gegeben, auch die EZB hat erste, zarte Zeichen gesendet. Aber was passiert, wenn diese Tapering-Versuche scheitern? Die Historie der Fed stimmt pessimistisch: Von Operation Twist, während der die Notenbank Treasuries mit kurzer Laufzeit ver- und längerlaufende ankaufte, um die Zinsen am langen Ende der Kurve zu senken, bis zur Repo-Krise hat sich gezeigt, dass die Währungshüter beim ersten Anzeichen von volkswirtschaftlicher Schwäche oder einem Schluckauf im Finanzsystem die Notenpresse anwerfen. Und für die EZB schließen Beobachter schon die Wette ab, dass sie einknickt, sobald Italien und Griechenland wieder höhere Zinsen für ihre Emissionen zahlen müssen.

Diese Rollover-Risiken von Staatsanleihen werden blitzartig wirksam. Da hilft es nicht, dass der Kapitalstock von Euro-Staatsanleihen eine durchschnittliche Laufzeit von sieben Jahren hat. Denn wer sich nicht mehr am Markt refinanzieren kann, verliert sofort den Boden unter den Füßen. Allerdings sollte man niemals die Beharrungskräfte eines gewachsenen Systems unterschätzen. So zeigte das Deleveraging der Tech-Boom-Jahre während der Präsidentschaft Bill Clintons, mit welcher Kraft das System sich entschlacken kann.

Historie des Tapering der Federal Reserve

Was außerdem gegen das astronomisch hohe Bitcoin-Kursziel spricht, ist eine fehlende elementare Eigenschaft, um wirklich als Währung zu fungieren. Denn Währungen brauchen für eine Steuerung über Konjunkturzyklen hinweg eine gewisse Elastizität auf der Angebotsseite. Das ist übrigens eine Eigenschaft, wie sie bei Kryptowährungen über den Airdrop (Schaffung von Token aus dem Nichts) und den Burn (Token werden eingezogen und vernichtet) schon praktiziert wird. Diese Variabilität auf der Angebotsseite hat mit einem Update auch Ethereum adaptiert. Bei Bitcoin ist das anders: Hier stehen maximal 21 Millionen Bitcoin zur Verfügung – und wenn die geschürft sind, trifft die Nachfrage auf ein festes, unbewegliches Angebot.

Festes Angebot birgt Problem

Dies ist durchaus problematisch, ist eine Währung doch nicht nur Wertspeicher, sondern immer auch an ihre Verwendbarkeit gekoppelt – und wer weiß, vielleicht machen digitale Zentralbankwährungen Bitcoin und Stablecoins als Zahlungsmittel überflüssig. Denn diese könnten ein trauriges Dasein fristen, wenn außer der Spekulation auf Preisbewegungen nichts mehr für sie spricht. Für Bitcoin hängt also alles davon ab, ob die Kryptowährung sich als Zahlungsmittel etabliert.

Die gute Nachricht für alle Bitcoin-Freunde: Genau diese Verwendbarkeit als Zahlungsmittel wird über das Lightning Network als Layer-2-Anwendung auf skalierbarer Basis ermöglicht. Stand jetzt stehen schon gut 2 500 Bitcoin in Wallets zum Routing von Zahlungen über das Lightning-Netz zur Verfügung, per Ende August waren mehr als 15 000 Lightning Nodes eingebunden, eine Verdoppelung gegenüber dem Vorjahr. Dabei verbleibt die Lightning-Nutzung aber nicht auf die reine Online-Sphäre begrenzt, über Apps wie Strike oder Bitnob können Lightning-Zahlungen auch in Ladengeschäften eingesetzt werden, sofern sich diese eine entsprechende Wallet eingerichtet haben: Es wird ein QR-Code generiert, der dann mit dem Smartphone eingescannt wird. Zehn Sekunden später erhalten beide Parteien eine Zahlungsbestätigung.

So geschieht es seit Monaten in Küstenregionen von El Salvador über die App Strike. Seit kurzem steht auch die staatliche Wallet „Chivo“ zur Verfügung, die schon von gut 2 Millionen Bürgern auf ihre Smartphones geladen wurde. Neben dem Dollar ist Bitcoin nun gesetzliches Zahlungsmittel in El Salvador, das 700 Bitcoin für die Staatskasse erworben hat. Die Reserve dient auch dazu, Händlern ihre Bitcoin in Dollar zu tauschen, sofern diese lieber traditionell Cash halten. Ein solche Phase der Währungsumstellung ist mit Risiken für die Finanzstabilität verbunden, was sich in Abschlägen auf gehandelte Staatsanleihen des Landes ausdrückt. Es war aber vor allem die Kaprizierung auf den Dollar 2001, die der Kaufkraft der Bevölkerung von El Salvador zusetzte – und bis heute eine Abhängigkeit von Programmen des IWF bedingt.

Risiko für Freiheit

Mit der Integration von Bitcoin hoffen Schwellenländer wie El Salvador, die Ukraine (dort wurde Bitcoin am 8. September legalisiert) und Kuba (dort wurde ein Gesetz angekündigt) auf mehr wirtschaftliche Selbstbestimmung, Denn ein von den US-Banken entkoppelter Zahlungsverkehr verspricht, dass Wohlstand im Land verbleibt. In Paraguay setzen sich einige Parlamentarier für ein Bitcoin-Gesetz ein, in Uruguay wurde die Händlerakzeptanz gesetzlich erlaubt. Und alle bauen für eine erste Phase der Bitcoin-Integration auf das Lightning Network. Denn dieses wächst mit lokalen Rechner-Kapazitäten, die sich Routing Fees erhoffen sowie Zahlungen senden und empfangen wollen. Aber auch abseits der Schwellenländer tut sich was: So hat Twitter-CEO Jack Dorsey ermöglicht, dass ab sofort Bitcoin-Mikrozahlungen über Twitter-Konten angestoßen werden können – und zwar per Lightning. Eine entsprechende Payment-Lizenz für größere Beträge könnte über Square gestellt werden, wo Dorsey ebenfalls CEO ist.

Die sich abzeichnende Nutzbarkeit von Bitcoin als Zahlungsmittel sollte die Wertentwicklung der Kryptowährung stützen – einen fairen Wert kann sowieso niemand beziffern. Aber eins steht fest: Null ist es mit Sicherheit nicht. Denn seit wann hat eine technologische Infrastruktur, die Milliardenwerte speichert und dezentral verfügbar macht sowie täglich voluminöse Transaktionen verarbeitet, keinen Wert?


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